ENGST: Interview direkt aus dem Tourbus

Erst einmal ein gepflegtes “Juten Tach” unter uns Berlinern und vielen Dank für die Möglichkeit, dieses Interview mit Euch führen zu dürfen.
Berlin ist jetzt nicht gerade ein Dorf, die Musikszene alles andere als übersichtlich. Wie habt Ihr Euch gefunden, wie entstand ENGST ?

Matthias: Ramin (Gitarrist), Yuri und ich kennen uns halt schon ein bisschen durch verschiedene Bands. Juri und ich, also Drummer und Sänger, haben vorher schon in einer Punkband zusammen gespielt. Sänger und Ramin haben davor schon einmal in einer Metalband zusammen gespielt und Chris unser Bassist, ist der ehemalige Sänger einer Skate-Punk-Band aus Berlin und man kannte sich einfach tatsächlich durch die Berliner Musikszene, ist sich tausendmal über den Weg gelaufen und irgendwann, nachdem die Idee bei mir dem Sänger im Kopf war, nochmal eine Band zu gründen, ist man halt auf diese Leute gestoßen, hat sich sozusagen diese Musiker halt so zusammengesucht, weil man sich halt schon kannte.

Ihr behauptet von Euch, Ihr würdet in keine Schublade passen, sondern wäret vielmehr der ganze Schrank. Heute punkiger Rock und morgen Schlager, oder wie soll dieses Statement verstanden werden?

Ramin: Wir behaupten, wir sind der gesamte Schrank. Aber es ist nicht so gemeint, dass wir jetzt demnächst auch irgendwie Schlager oder so machen wollen, sondern eigentlich jeder aus einer anderen Musikrichtung kommt. Der eine hat in seiner Jugend viel Metal gehört, dann Punk, Pop und alles was es so gibt und dass wir das alles auf einem Album oder immer wieder in den verschiedenen Songs so verarbeiten und jeder so seinen Einfluss hinein bringt.

Matthias: Es geht einfach auch darum, dass man sich nicht zwangsläufig anpasst. Als wir EGNST gegründet haben, wir singen halt deutsch, haben einen Mix aus Pop Punk, Metal und teilweise auch so ein bisschen Rap Elementen und sind auch bei dem sehr Metal lastigen Label Arising Empire, die auch so ein bisschen an unsere Vision geglaubt haben. Es geht halt genau darum, sich nicht eben dem anzupassen, also Sänger tätowiert, Tunnel und jeder denkt, das ist voll der Metaller und dann singt der Popmusik. Es geht doch auch ein bisschen darum, so ein paar Klischees aufzubrechen.

Euer Debüt-Album “Flächenbrand” schlug ordentlich ein. Vielleicht gerade, weil sich jeder von uns in mindestens einem der Songs wiederfinden kann. Woher kommen eigentlich die Texte? Habt Ihr das alles selber durchgemacht? Passagen wie “zu viele Nächte am Abgrund getanzt, mit vollem Glas und leeren Kopf” (Ich steh wieder auf) lassen ja doch tief blicken.

Matthias: Die Texte entstehen zu großen Teilen durch die Feder des Sängers, also durch mich. Sie sind tatsächlich größtenteils autobiographisch geschrieben. Natürlich fließen auch Erinnerungen oder Sachen, die den anderen Musikern passiert sind, in meine Texte mit ein. Ich versuche immer so zu schreiben, dass es meine Geschichten sind, aber trotzdem andere Leute ihre eigenen Geschichten darin auch wiederfinden und verpacken können. Die Textzeile von Ich steh wieder auf ist natürlich schon sehr intim. Ich sage immer, das ist Seelen-Striptease. Klar, ich hatte auch Zeiten, da war so richtig leben am Limit. Sex, Drugs, Alkohol und dann hat man es doch irgendwann geschafft, sich zu retten und wieder auf die Beine zu kommen. Sonst kannst auch keine Musik machen, sonst bist du einfach schnell tot. Das ist schon alles sehr autobiografisch.

Der Vorteil deutschsprachiger Texte ist ja, dass Ihr eine riesige Masse an Menschen ansprecht, die Eure Texte auf Anhieb verstehen und nicht erst googeln müssen. Entsprechend vielfältig vermute ich die Reaktionen dieser Menschen. Gab es zu Euren Songs Reaktionen, die Euch besonders bewegt haben ?

Matthias: Die Reaktionen der Fans auf die Songs sind einfach unfassbar krass. Die Platte ist ja jetzt fast ein Jahr alt. Die Fanbase ist extremst gewachsen und die Reaktionen der Leute sind teilweise so heftig. Wir reden wirklich davon, dass Menschen mit Tränen in den Augen auf Konzerten stehen, weil sie sich halt in den Songs wiedererkennen. Das geht teilweise wirklich soweit, dass Menschen sich Tattoos stechen lassen mit Textpassagen oder dem Bandnamen und so weiter, weil ENGST halt ein so großer Teil ihres Lebens geworden ist. Gerade so Songs, auch ältere Songs die nicht auf Flächenbrand, sondern unserer EP davor sind. Hymne der Verlierer ist so ein ganz großer Song, der den Leuten sehr ans Herz geht. Aber auch Songs wie Ohne dich, ein Song über das Sterben, über Abschied, speziell der Abschied von den Eltern. Und da ist es schon ziemlich heftig zu sehen, dass da Leute dabei sind, für die bedeutet das halt unfassbar viel und geht natürlich auch sehr ins Herz. Damit haben wir teilweise nicht so gerechnet, ist aber sehr sehr schön zu sehen.

Im Sommer habt Ihr bereits reichlich Bühnen bespielt und nun geht es auf “Flächenbrand-Tour”. Jetzt musste ich lesen, dass Ihr nicht nur diverse Locations schon ausverkauft habt, für Düsseldorf einen größeren Veranstaltungsort wählen musstet, sondern sogar noch Zusatzshows spielen werdet. Habt Ihr mit einer so großen Resonanz gerechnet?

Chris: Ja klar, die erste eigene Tour ist natürlich der absolute Wahnsinn und dass jetzt neun Shows von 13 ausverkauft sind, ist natürlich absolut unfassbar für uns. Die Resonanz ist in diesem Jahr so gestiegen und der Support so explodiert, dass wir absolut baff sind und damit nicht gerechnet haben. Und dass die Booking Agentur jetzt noch vorgeschlagen hat ein paar Zusatzshows in 2020 hinterherzuhauen, ist natürlich auch totaler Wahnsinn für uns. Wir haben natürlich versucht, jetzt die Städte abzuklappern, die wir bei der ersten Flächenbrand-Rutsche nicht berücksichtigen konnten. Dass da Düsseldorf jetzt auch wieder explodiert, ist halt echt Wahnsinn. Wir sind gerade total unfassbar glücklich und können es eigentlich gar nicht fassen, dass das alles passiert. Aber wir sind umso mehr dankbar dafür.

Einen Teil der Tour werden Euch die Jungs von NORDN als Einheizer begleiten. Woher kennt Ihr Euch?

Matthias: NORDN spielt die erste Hälfte der Tour. Persönlich kannten wir die Jungs am Anfang gar nicht. Das war ein Vorschlag von unserem Manager, der meinte: Hey, wir haben da eine junge Band aus Hamburg, die könnten passen, weil die halt vom Sound irgendwie zu uns passen würden, aber nicht genau dasselbe machen. Das finde ich halt immer unheimlich wichtig finde, dass man da nicht zwei Band hintereinander hat, die genau denselben Style fahren. Und dann habe ich mir die Jungs in Berlin mal reingezogen als sie Support für Deine Cousine gespielt haben. War super und hat mir mega gut gefallen. Ein guter Mix aus Rock und bisschen Rap, ziemlich cool und dann haben wir gesagt, “Okay, passt, die nehmen wir mit!”.

Und wie schaut es mit Stadtruhe aus, die den zweiten Teil der Tour als Support dabei sind ? Wie seid Ihr auf die Band getroffen?

Matthias: Zu Stadtruhe, die die zweite Hälfte fahren, gibt es einen persönlichen Bezug. Die haben wir auf einem Festival kennengelernt. Sie spielten vor uns und haben uns einen Drum-Teppich geliehen, weil unser lieber Schlagzeuger seinen Teppich vergessen hatte. Und das war total lieb, denn eigentlich wollten die schon fahren. Sie haben uns dann einen Teppich geliehen und gesagt, sie würden nach der Show gleich abhauen. Es hat dann so geendet, dass wir alle uns danach tierisch besoffen haben und wir am Ende vor denen weg waren. Wir haben uns einfach ineinander verliebt. Eine super sympathische junge Band, die richtig Feuer haben. Weil wir es auch selber ziemlich schwer hatten als junge Band, keiner uns mitnehmen wollte und wenn dann nur solche Pay-To-Play-Geschichten, haben wir uns gedacht, wir machen es einfach anders. Wir nehmen einfach eine Newcomer-Band mit und ermöglichen denen es halt mal, auf Tour zu gehen.

Mal ein Do und ein Don´t bitte: mit welcher Band möchtet Ihr auf keinen Fall in Zusammenhang gebracht werden und welche Band wäre Euch diesbezüglich eine Ehre ?

Ramin: Mit welcher Band wir auf keinen Fall zusammengebracht werden wollen, weiß ich gar nicht. Da gibt’s viele.

Matthias: So auf eine Band wollen wir uns gar nicht festlegen, sondern auf jede Band, die sich politisch irgendwie ins rechte Lager stellt. Auf sowas habe ich auch gar keinen Bock. Wir reden jetzt auch nicht von solchen Sachen wie Böhse Onkelz oder solchen Geschichten, sondern es gibt ja auch viele junge Bands, die sich halt schon eher im rechten Spektrum ansiedeln. Da haben wir gar keinen Bock drauf und da werden wir uns immer ganz klar gegen positionieren. Im Mainstream am meisten bekannt ist natürlich Frei.Wild und die sind ja auch namentlich in einem Song von uns benannt. Wir sagen den Leuten auch immer: wir sind keine Deutschrock-Band, sondern eine deutsche Rockband.

Ramin: Mit wem wir gerne in Verbindung gebracht werden…. Ein paar Fans haben uns schon öfter gesagt, sie würden uns als die deutschen Rise Against bezeichnen. Ich höre die nicht so viel, aber danach habe ich sie mir mal angehört und das würde ich schon als Kompliment werten; auf jeden Fall.

Gibt es einen Song, der Euch als Vorlage für ein Cover reizen würde?

Chris: Wir haben schon Cover in unserem Set. Zum Beispiel spielen wir seit knapp einem Jahr Friedenspanzer von den Ärzten, weil der uns sehr wichtig ist, allein von der Message her und bedeutender denn je. Aber wir haben ja auch auf der EP zum Beispiel Lila Wolken von Materia und den haben wir halt zu unserem eigenen Song gemacht, zu unserem eigenen Genre verrockt und von daher machen wir es eigentlich schon sehr gerne. Im Moment haben wir keinen Song zum Covern im Kopf. Aber wer weiß was da kommt, wir sind offen für alles. Frage an die Fans: Was wollt Ihr von uns hören ?

Wer so erfolgreich ist sollte keine Schwierigkeiten haben, große Plattenlabel für sich zu begeistern. Mit Arising Empire habt Ihr aber nicht gerade ein Major Label gewählt. Was hat Euch abgeschreckt, oder aber Euch davon überzeugt, auf ein kleineres Label zu setzen?

Ramin: Wir hatten tatsächlich auch Angebote von den größeren Major Labels auf dem Tisch. Von Sony hatten wir was, von Universal und von Warner tatsächlich auch. Da haben wir z.b. auch so einen Exklusivvertrag vorgelegt bekommen. Das ist aber eigentlich nicht mehr so das, was man heute machen möchte. Und dann haben wir über Massendefekt den Kontakt zu Arising Empire bekommen. Das lag dann auch ein halbes Jahr lang irgendwie brach. Wir hatten erst einen Kontakt gehabt und dann nichts mehr gehört. Dann kamen sie noch einmal auf uns zun und dann hat sich das entwickelt. Dann haben wir Tobbe kennengelernt, der uns dann auch letztendlich auch gesigned hat. Er ist ein wirklich super cooler Typ, der mega an uns glaubt. Das ganze Label glaubt an uns und deswegen haben wir uns dafür entschieden, mehr auf engeren Kontakt zu setzen, auf Authentizität. Man hat ja schon oft gehört,  dass große Labels kleinere Bands auch mal schön im Stich lassen, wenn die nicht so das machen, was sie wollen. Darauf hatten wir so gar keine Lust.

Ein Album, das doch sehr gut ankommt und in diversen Rezensionen förmlich gelobhudelt wurde, eine Tour mit im voraus ausverkauften Shows: kann man das noch toppen? Was habt Ihr für Pläne, wie wird es 2020 mit ENGST weitergehen ?

Chris: Ich denke mal, wir machen alles mal genauso weiter, wie wir es bisher gemacht haben. Anscheinend ist es der Weg zum Erfolg für uns. Ich denke, wenn wir alles so weitermachen und richtig machen, dann wird es einfach stetig steigen, wir werden größere Club spielen, wir werden größere Festivals spielen, was unser Ziel ist, wir werden einfach mehr Leute begeistern, mehr wachsen als Band – never change a winning team.

Matthias: Natürlich wird es 2020 auch das nächste Album geben, das ist natürlich klar und wir haben da auch richtig Bock drauf. Eigentlich brauchen wir nichts zu verändern, denn wir sind bandintern sehr glücklich, wie es läuft. Die Stimmung ist mega und einfach nur mehr Leute erreichen und spielen spielen spielen! Das wollen wir.

Dafür wünsche ich Euch alles Gute und vor allem weiterhin auch so viel Erfolg. Ich danke Euch für dieses geniale Interview direkt aus dem Tourbus. Die letzte Frage gehört der Band: möchtet Ihr noch jemanden grüßen oder vielleicht den einen oder anderen Dank loswerden ?

Matthias: Vielen Dank für das geile Interview! Danksagungen würden vermutlich den Rahmen sprengen. Im Endeffekt wollen wir allen Fans, Freunden und Familien danken. Die haben unfassbar an uns geglaubt und uns krass unterstützt. Wir haben eine mega geile Crew. Die Crew wird dummerweise immer leider vergessen. Angefangen von der Mercherin, über Kamera und Sound, bis hin zum Fahrer kann man einfach sagen, wir sind immer sehr sehr gut gefahren. 🙂  Diesen Leuten wollen wir danken, die immer an uns geglaubt haben und jeden der zu den Schows kommt und die kleinen Bands unterstützt. Und denkt dran: die kleinen Bands von heute sind vielleicht die großen Bands von morgen.

ENGST sind:
Matthias Engst | Vocals
Ramin Tehrani | Gitarre
Chris Dumhard | Bass
Yuri Cernovolov | Schlagzeug

Die Band im Web

https://www.facebook.com/Engstmusik/

engst flächenbrand tour

Quellen

Titelbild: (c) Claus Puetz
Tourbanner: Facebook-Bandpage

 

Hinweis: Dieser Beitrag enthaelt unbezahlte Werbung.